17|03|20

Die Lockdown-Tagebücher (Barcelona, März 2020)

Tag 1 (Sonntag, 15.3.2020)
Pflanzen arrangiert bzw. Balkon hergerichtet, Brot gebacken, Kaffee gekauft im kleinen Lädeli der Pakistaner um die Ecke. Dazu 2 Liter Hafermilch, es sollte reichen bis morgen. Immer wieder: Nachdenken darüber, was die nächsten 14 Tage des Lockdown wegen der Coronavirus-Pandemie sein wird. Spinning-Rad beim sonst prinzipiell geschmähten Online-Versand bestellt. Wird am Mittwoch geliefert, für einmal keine Zweifel, dass  jemand zur entsprechenden Zeit zuhause sein wird.
Kritisches Beäugen der Wohnung, wo kann ich Platz optimieren? Bald werden es 3 Fahrräder sein, wovon zwei im Lockdown-Modus, wie ich, wie alle. Die Sonne scheint draussen und es ist ganz still in der Gasse, bloss die Möwen, sie lachen sich wie immer ein Loch in den Bauch, ehheheheheheheeee. Mein Nachbar vom 2. spielt Oboe. Oder Klarinette. Mein Nachbar gegenüber hingegen hustet übel. Man wird hellhörig…
Der Abend kommt schleichend.

 

Tag 2 (Montag, 16,3.2020)
Langweiliger Tag, vom Anfang (Aufwachen) bis Ende (Entschlafen), begleitet von bindfädigem Regen und ungeduldigen Windstössen, das die Wohnung im unruhigen Dunkeln lässt, trotz weit geöffneter Fensterläden. Stille gassauf, gassab. Das Highlight heute: Rausgang an die frische Luft, in ein anderes Quartier, um den Kühlschrank aufzustocken mit frischem Gemüse. Doch war ich lange vor den Lieferanten da, die Regale noch leer. Immerhin: Erbeutete ein paar Bananen und eigemachte Tomaten. Bin verlängerte Wege gelaufen, um dieses kleine Fenster zum Draussen nicht allzu schnell wieder schliessen zu müssen. Doch einige Leute im Freien, sie werden sich rechtfertigen müssen.
Erste Versuche im Schachlernen online, meine Lieblingsfigur: Der Läufer. Smartphone immer in Reichweite: Der Corona-News-Ticker. Minütlich ändert sich die Lage, hier und in allen andern Ländern. Wie Dominosteine fallen sie, berufen Medienkonferenzen, leiten Massnahmen ein. Lockdown im Akkord. Dann kommen die TV-Serien aus dem Norden, im Stakkato.

 

Tag 3 (Dienstag, 17.3.2020)

Das Reklusendasein normalisiert sich. Arrangements zuhause. Die drei Bohnenpflanzen, gezogen aus den erst vor einer Woche aus Leipzig mitgebrachten Samen, sind 7 cm gewachsen – in den vergangenen drei Tagen. Gierig strecken sie ihre Köpfe ans Fenster – Leben ist Licht ist Luft. Das Indoor-Fahrrad ist heute angekommen. 45 Minuten schwitzen. Dann Spotify, Serien, Schach.

 

Tag 4 (Mittwoch, 18.3.2020)

Ein weiterer Tag sozial distanzierte Existenz. Das eh schon Gleichförmige (Aufstehen, Kaffee, Newsticker checken etc.) wird noch eintöniger, spannungslos. Immerhin bleiben die Kommunikationsstränge bestehen– das tägliche Voicemessage an L., regelmässiger Austausch mit I., A. und S.
Und beinahe unbemerkt setzen sich die diskreten Tauben wieder im zwar frisch renoverten, aber komplett unbewohnten Haus gegenüber fest. Die stillen Balkone und Mauervorsprünge bieten viel ruhigen Sitzraum. Ruggu. Ruggu. Ruggu guu.

Tag 5 (Donnerstag, 19.3.2020)

Was war heute? Das Highlight, die Flasche ökologischen Weisswein. Ah, und ich zähle es an den Fingern ab: Tag 5 der «sozialen Distanzierung».

 

Tag 6 (Freitag, 20.3.2020)

Dank der ambitionierten Weinzufuhr gestern abend verkürzt sich der sonst eher längliche Morgen ein bisschen. Späteres Erwachen– besser so, dann ist der Tag schon ein paar Stunden fortgeschritten. Der Blick in den Newsticker verheisst nichts Gutes. Die Zahlen der Infizierten, der Intensivstationierten, aber auch der Toten hier in Spanien steigt exponentiell, was zugegebenerweise auch zu erwarten ist. Wir bilden die Ereignisse in Italien ziemlich genau ab, nur mit ein wenig Verspätung. Da bleibt als Massnahme nur ein starker Kaffee und das Fahrradoutfit, um eine Stunde den Schweiss auszutreiben. Ist natürlich kein Ersatz für richtiges Fahrradfahren. Doch ohne, würde ich längst Messer wetzen. So bleibt pedalend die Erkundung neuer Spotify- Playlisten, die ins Ohr gehen. Negative Spaces. Und zusehends verlieren die Wochentage ihre Namen, was von ihnen übrigbleibt, ist «…tag».

Und wirklich hätte ich es beinahe vergessen. Happy Birthday, Susanna!

 

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